Symboliken des Bösen
Böse Wesen gibt es mengenweise in der heidnisch-antiken Literatur und Bildwelt, in der Bibel, in neuzeitlichen Romanen, in Märchen und Legenden – und vermutlich auch in der gegenwärtigen Politik...
Hier interessieren aber insbesondere die Bösewichter, die sich in Symbolen und Allegorien und Personifikationen oder sonstwie camoufliert haben.
Das Böse sei in einem weiteren Sinn gefasst; auch: übel, schlecht, fies, schurkisch, zynisch, perfid; lat. malum, nefas, pravitas, improbum, maleficium ...
Während Tiere angeboren wissen, was als Böses zu meiden ist (gelb-schwarz gefleckte Slamander sind giftig), ist das sogenannte Böse (Konrad Lorenz 1974) bei Menschen kulturspezifisch bestimmt. Jede Ethnie hat andere Vorstellungen vom Bösen.
Ein Kolloquium dazu könnte stattfinden in Zürich am Samstag 2. Oktober 2027
“Call for Papers”: Wer hierzu ein ca. 35-minütiges Referat beitragen möchte, melde sich bitte hier:

Zunächst einige Beispiele, kunterbunt:
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▲ Wer arges thut/ hasset das liecht/ vnd kumpt nit an [begibt sich nicht an] das liecht/
auff das seyne werck nicht gestrafft [≈ aufgedeckt] werden (Johannis iij.c.) [≈ Johannesevangelium 3,20]

Ein Ewl bey dem tag nit gesicht
Sie hab gleych Sunnen oder licht
Sie hab gleych fackel oder prillen.
Also auß eygnem bösen willen
So seind auch aller menschen kindt
Verstockt/ verstarret vnd erblindt
In wucher/ geytz vnd Tyranney
In lügen/ list vnd triegerey
[… … …]
Hans Sachs [Verse] / Erhard Schoen [Holzschnitt], Gedruckt von Georg Wachter zu Nürnberg 1540
> http://www.zeno.org/nid/20004286685
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▲ Walther von der Vogelweide (›Erster Reichston«, ca. 1197)
kennt eine Gütertrias: bewegliche Habe (guot) / Ehre / Gottes Gnade – diese wird gefährdet durch Untreue und Gewalt:
[…] jâ leider desn enmac niht sîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
[Hs.A] zesame in ein herze komen.
stîg und wege sint in benommen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride und reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.
[…] leider geht es nicht,
dass Besitz und weltliche Ehre
und dazu noch Gottes Wohlwollen zusammen in ein Herz kommen.
Stege und Wege sind ihnen verwehrt.
Die Untreue ist im Hinterhalt auf der Lauer, Gewalt herrscht auf der Straße,
Friede und Recht sind schmerzlich verletzt.
Die drei haben kein freies Geleit, bevor nicht diese zwei unversehrt sind.
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▲ EX MALO BONVM ≈ Aus Bösem Gutes

Georgette de Montenay (1540–1581)
Georgiae Montaneae, nobilis Gallae, Emblematum christianorum centuria : cum eorundem Latina interpretatione = Cent emblemes chrestiens de Damoiselle Georgette de Montenay,
Tiguri [i.e. Lyon] : apud Christophorum Froschouerum [i.e. Jean Marcorelle], 1584
> https://doi.org/10.3931/e-rara-4142
Der Distelstrauch ein schöne Blum
Herfür bringt/ wenn man zackert vmb
Das Erdreich/ vn der Früling sich
Zu vns thut neygen gantz frölich:
Also wenn böse Leut begehn
Arges/ so thut drauß entstehn/
Dem Frommen ein Exempel gut/
Welchs sie vor Unglück wol behüt.
deutsch in: StammBuch/ Darinnen Christlicher Tugenden Beyspiel/ Einhundert außerlesener Emblemata, mit schönen Kupfferstücken gezieret. Erstlich in Frantzösischer Sprach von ... Georgetta von Monteney beschrieben. Nunmehr aber mit Lateinischen/ Hispanischen/ Italianischen/ Teutschen/ Englischen und Niderländischen Versen vermehret; Franckfurt am Mayn: Unckel 1619.
> https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1576984060/7/LOG_0000/
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▲ NOXAM NOXA PARIT ≈ Böses bringt Böses hervor
Das Symbol ermächtigt bzw. verpflichtet seinen Besitzer oder den die bedeutsame Geste Ausübenden zu einer Handlung (Den Fehdehandschuh werfen ist eine Kriegserklärung.)

Ein fauler Ast den frischn verderbt/
Böses vom bösen wird geerbt.
Drumb man das böse zeitlich soll
Abschneiden/ eh es wurtzelt wol.
Damit den fromm an Gut und Ehr/
Die bösen bringen kein beschwehr.
[Im Bildhintergrund eine Hinrichtung mit dem Schwert]
Jacobi â Bruck Angermundt Cogn. Sil. Emblemata moralia & bellica. Nunc recens in lucem edita, Argentorati [Strasbourg]: Per Iacobum ab Heyden 1615.
> https://archive.org/details/iacobiabruckange00bruc
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▲ Wie der Reich den Armen frißt

Andreas Friedrich, [fl. 1560–1617] Jetziger Welt Lauff. Durch etliche und dreissig Figuren angemeldet und durch deutsche Reymen erkläret, Franckfurt: Corthoys 1611.
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-9746/....mage=00058
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▲ Du kannst retten und verderben

Übersetzung in Henkel/Schöne, Sp 1007:
Zwei Waffen sind Zunge und Schwert; wenn wir sie angemessen handhaben, sind wir immer wohlbehütet. Ihr richtiger Gebrauch schafft tausend Vorteile. Wenn aber eine von beiden ungehorsam ist und die Klugheit ausser Acht lässt, bereitet sie dem Wahnwitzigen und Einfältigen den Tod; doch dem Klugen und Weisen wendet sie das Schicksal zum Guten.
Emblemas morales de Don Sebastian de Couarrubias Orozco (1539-1613) […]
Madrid: Luis Sanchez, 1610. — III,66
> https://archive.org/details/emblemasmoralesd00covar
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▲ GRANDE MALUM INVIDIA

Der Neid; Im Hintergrund die Geschichte des Perillus (Πέριλλος), ein Künstler in Metallarbeit in Athen, der für den Tyrannen Phalaris in Agrigent einen ehernen Stier mit hohlem Leibe verfertigte, in den Verbrecher gesteckt und durch untergelegtes Feuer gebraten werden sollten. Der Künstler wurde vom Tyrannen genötigt, zur Probe selbst in den Stier zu kriechen, und kam so ums Leben. (Plinius, nat. hist. XXXIV, xix, 89)
Otto van Veen, Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607. I,29 = pag. 96/97
Vgl. bereits einige weitere Laster-Allegorien hier.
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▲ Clorinda erkennet ihre Boßheit/ und wird mit grosser Forcht überfallen.

Timor & tremor venerunt super me, Psal. 54. v.6
Clorinda bedeutet eine sich zu Gott recht-bekehrende Seel und zwar in drei Etappen; hier in der ersten Phase.
P. F. Laurentii, von Schnüffis, VorderOesterreichischer Provintz Capuciners und Predigers, Mirantisches Flötlein Oder Geistliche Schäfferey: In welcher Christus unter dem Nammen Daphnis, die in dem Sünden-Schlaff vertieffte Seel Clorinda zu einem bessern Leben aufferwecket, und durch wunderliche Weiß und Weg zu grosser Heiligkeit führet [1.Auflage 1682], Dritte Aufflage, Franckfurt: Thurneysen 1711.
> http://www.zeno.org/nid/20005240999
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▲ Dem Erz-Bösewicht ...

»Wickiana«, Band F 15, Blatt 286 (Zentralbibliothek Zürich)
... ist dieses Kapitel gewidmet.
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▲ Und hier seine ebenso verführerische Kollegin (vgl. Apokalypse 17,3):

Das CXLIII.
Erdachter Gottsdienst.
Auff einem Königlichen sitz
Ein schöne Hur hoch empor sitzt
Die hat auff irm haupt ein Schleyr stohn
Von köstlichem Purpur für ein Kron
Sie beut allen zu trincken dar
Ein Credentz mit schönem safft klar
Und umb sie rumb da ligt ein rott
Die sich bey ir voll gsoffen hatt
Also wirt Babylon gemalt
vWelche durch ir schöne gestalt
Und ertichten Gottsdienst lockt/ reitzt/
vDie törchten Leut facht also gbeitzt. [≈ fängt als Geköderte; vgl. Vogel-Beiz]
Andrea Alciato's Liber Emblematum / Kunstbuch, Frankfurt am Main, Sigismund Feyerabend u.a., 1567 (deutsche Übersetzung von Jeremias Held)
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a143
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Von den bösen Göttern

Kupfertafel Nr. 29: Von den bösen Göttern
unter anderen: D. Typho — I. Charon — N. Cerberus — O. die Gorgonen
Romeyn de Hooghe (1645–1708), Hieroglyphica, oder Denkbilder der alten Völker, namentlich der Aegyptier, Chaldäer, Phönizier, Jüden, Griechen, Römer, u.s.w. Nebst einem umständlichen Berichte von dem Verfalle und der eingeschlichenen Verderbniß in den Gottesdiensten, durch verschiedene Jahrhunderte, und endlich die Glaubensverbesserung, bis auf diese Zeit fortgesetzt, in LXIII Capiteln, und so viel Kupfertafeln beschrieben und vorgestellet durch Romeyn de Hooghe, Rechtsgelehrten. Uebersehen und besorgt von Arnold Heinrich Westerhovius, V. D. M. Gymnas. Goud. Rector. Ihrer Schönheit wegen ins Hochdeutsche übersetzt, und mit einer Vorrede des Herrn D. Siegmund Jacob Baumgartens, Professors der Gottesgelahrheit zu Halle, begleitet. Amsterdam, Arkstee und Merkus 1744.
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN497825848
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▲ Grandville (1803–1847) «Résurrection de la Censure» (1832)
Lithographie von Charles Philipon (1800–1861) in: La Caricature Nr. 62, 5.1.1831

Et elle ressuscita le troisième jour après sa mort (évangile St Luc)
Comte d'Argout (1782–1858), Minister für Handel, Öffentlichkeitsarbeit, Schöne Künste sowie für die Zensurbehörde, der sich an eine Schere klammert, steigt aus einer Kiste hervor; er scheint dabei auf wundersame Weise zu schweben – wie der Auferstandene. Unter ihm ruht ein Sarg auf Pflastersteinen, auf welche die entscheidenden Tage der Julirevolution (27.– 29. Juli 1830) eingraviert sind.
Dargestellt wird die Zensur, die in der Gestalt d’Argouts wiederaufersteht. D'Argouts Tätigkeit als Zensor, für die das Attribut Schere steht, und die übertrieben große Darstellung der Nase, symbolhaft für den Schnüffler, lassen ihn als Personifizierung der strengen Pressezensur und Beschneidung künstlerischer Freiheit auftreten.
| links |
rechts |
| Ähnlich wie die Soldaten, die das Grab Christi bewachen sollten: schlafendene Wächter und die regierungsfreundliche Zeitungen wie »Le Constitutionnel«, »Le Moniteur« und »Le Messager«. »Le Constitutionnel« schläft in einem Sessel und presst Geldbeutel an sich. – Im Hintergrund alte Frauen, die die legitimistische Presse verkörpern. |
Oppositionelle Zeitungen, welche versuchen die Auferstehung zu verhindern.
Ein Vertreter der republikanischen Zeitschrift »La Tribune« greift nach dem missgestalteten Fuß d'Argouts, dessen Aussehen an den Bockfuß des Teufels erinnert. »Le Figaro« (mit einer Schreib-Fe der bewaffnet) |
Zusammenfassung aus:
> https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/maison-de-balzac/oeuvres/resurrection-de-la-censure#infos-secondaires-detail
> https://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/wiederauferstehung-zensur-la-caricature-nr-62-511831
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caricature1832/0009
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▲ Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.
Goethes Ballade »Erlkönig« (1782)
»Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«
»Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?«
»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.«
> https://digital.belvedere.at/objects/6377/der-erlkonig
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Das Böse in China – Frauen in der Politik
Als am 14. Mai 1991 Jiang Qing ihrem Leben ein Ende setzte, starb mit der Witwe Mao Zedongs auch die letzte Repräsentantin eines lange währenden Clichées des Bösen in China: Die mächtige Frau! Jiang Qing reihte sich als Witwe eines wichtigen Herrschers in eine Galerie ein, die so alt ist wie das chinesische Kaiserreich selbst. Die Archetypen des Bösen umfassen Kaiserwitwen wie Lü Zhi (241–180 v. Chr.) oder Wu Zetian (624–705), die sogar selbst den Thron bestieg. Der Kollaps des Kaiserreiches 1911 wurde der Kaiserinwitwe Cixi in die Schuhe geschoben; und Maos Witwe Jiang Qing steht ebenso in dieser Reihe. Daneben gibt es den Typus der femmes fatales wie Daji (1077–1046 v. Chr.) oder Yang Guifei (719–756).

Das feststellbare Muster ist so deutlich, dass man sich fragen muss, ob die Dämonisierung weiblicher Machthaberinnen auf eine tiefer liegende Angst vor der Weiblichkeit hinweist oder ob nur «schlechte Menschen» sich in der Politik engagieren. Und wie böse war Jiang Qing tatsächlich? Im Beitrag von Marc Winter soll der Typus der bösen Frau in der chinesischen Politik erörtert und hinterfragt werden.
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Le mal imaginaire
Simone Weil, « La Pesanteur et la Grâce » (1947)
Le mal imaginaire est romantique, varié, le mal réel morne, monotone, désertique, ennuyeux. Le bien imaginaire est ennuyeux ; le bien réel est toujours nouveau, merveilleux, enivrant.
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Blocktext
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Blocktext
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Literaturhinweise
Peter-André Alt, Ästhetik des Bösen, München: Beck 2011.
Figurationen des Bösen. Ein Kompendium, herausgegeben von Werner Moskopp / Stefan Neuhaus,
Würzburg Königshausen & Neumann 2023.
> https://elibrary.utb.de/doi/book/10.36202/9783826082467
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